Innovieren wie ein Kannibale
Von Roger Aeschbacher, www.skarema.com
Sind Innovationen Zufälle? Gelingen sie nur, wenn geniale Menschen einen Geistesblitz haben? Oder sind Innovationen die logische Folge systematischer Umsetzungsprozesse? Beides ist richtig.
Der geniale Forscher hat einen Geistesblitz. Das freut ihn, denn er weiss, dass daraus neue Produkte entstehen können. Die Managerin hingegen ist von diesem Blitz erschreckt. Sie sieht komplexe und teure Umsetzungsprojekte auf sich zukommen, bei hohem Risiko des Scheiterns. Was also tun?
Just do it!
Vielleicht ganz einfach Folgendes. Tun! Ohne allzu viel nachzudenken. So viel als möglich tun, mit so einfachen Mitteln wie möglich. Dies alles, ohne die finanzielle Basis der Unternehmung zu gefährden. So oft als möglich aus der Hüfte schiessen, so früh als möglich Zielkorrektur üben, so sicher wie möglich selektionieren, so konsequent wie möglich umsetzen. Scheitern! Aus den Misserfolgen lernen. Und dann das Ganze wieder von vorne.
Oder gleich stehlen?
Vielleicht am risikofreisten geht es dabei, wenn man bereits existierendes Wissen abschöpft. Lionel Trilling, der New Yorker Intellektuelle und grosse Literaturkritiker fasste eine solche Kannibalisierungsstrategie in wunderschöne Worte. Er sagte: „Immature artists imitate. Mature artists steal.” (Übersetzung: Unreife Künstler imitieren, reife Künstler stehlen.)
Grosse Künstler sind sich also nicht zu schade dazu diejenigen Ideen und Techniken als ihre darzustellen, die ihnen gerade nützen. Grosse fressen Kleine. Das kann auch für Innovationen gelten. Auch die Entdecker der Struktur des Erbmoleküls DNA, James D. Watson und Francis Crick, kopierten kurzerhand ein wichtiges Röntgenbild ab, das Rosalind Franklin in jahrelanger Kleinarbeit angefertigt hatte. Mit dieser gestohlenen Information konnten sie im Handumdrehen erkennen, dass das Erbmolekül aus zwei und nicht, wie zuvor vermutet worden war, aus drei Strängen bestehen musste. So gewannen sie das Rennen um den Nobelpreis, der für die Entdeckung der DNA-Struktur vergeben wurde. Rosalind Franklin hingegen ging leer aus. Ohne ihre aufwändige und hochpräzise Arbeit hätten Watson und Crick auch würfeln können, ob die DNA aus zwei oder drei Strängen besteht. Aber Würfeln wird von renommierten Fachzeitschriften nicht als wissenschaftlicher Beweis akzeptiert.
Der nette Kannibale
Man kann aber auch durchaus friedlicher kannibalisieren. Wo andere nur noch einen Haufen Schrott sehen, zieht der geschickte Unternehmer diejenigen Stücke rostigen Eisens heraus, die er durch Neuarrangierung zu einem neuen Produkt fügen kann. Lela Scherrer und Christoph Hefti tun dies, wenn Sie alte Schweizer Stickerei- und Seidenbandmuster per Computer einscannen, dann elektronisch bearbeiten und zu neuen Mustern kombinieren. Mit diesen Mustern bedrucken sie und designen hochwertige Stoffe. Diese Stoffe nutzten Sie beispielsweise um die Uniformen der Hostessen für den Swiss Pavillon an der Weltausstellung in Japan im 2005 zu kreieren. Dafür gewannen Sie auch den «Swiss Textile Design Award». Kannibalisierung ist hier die simple – simple im Sinne von einfache und zügige – Aneignung von Designwissen, das über Jahrzehnte lange Forschung, Entwicklung und Design sich perfektionierte. Scherrer und Hefti machen aus alt neu und aus neu innovativ. Auch der Gewinn eines Design Preises schützt offenbar nicht davor, sehr innovativ zu handeln.
Roger Aeschbacher
Der Autor ist Experte für Innovation und Kommunikation. Mehr zu Innovationsstrategien finden sie in seinem beim Verlag Rüegger erhältlichen Buch „Maximale Innovation – durch Management by Conversation“.
© Roger Aeschbacher, www.skarema.com
